Blog #2: Essen Nazis eigentlich Döner?! – Dialog mit einem Aussteiger

Wie jeden Donnerstag treffen wir uns in der heimlichen Metropole Berlins. Obwohl es noch dunkel ist, leuchten die Arcaden und das Rathaus als Wahrzeichen unseres, über die Stadtgrenzen hinaus, unterschätzten Heimatbezirks. Wir befinden uns in Spandau – es ist 7:35 Uhr. An diesem morgen sind wir besonders nervös. Es liegen Monate intensiver Vorbereitung hinter uns. Seit mehreren Wochen planen und organisieren wir diese Dialogsitzung an der B.-Traven-Gemeinschaftsschule für unsere achte Klasse. Im Auto besprechen wir letzte Details – Wer baut den Stuhlkreis auf? Wer holt den Gast am Eingang ab? Wer spricht die einleitenden Worte? Vor der Schule angekommen entdecken wir das Auto mit sächsischem Kennzeichen – jetzt geht’s los.

Rückblick

Spandau hat ca. 240.000 Einwohner, zwei von diesen sind wir. Umso betroffener machte uns das Ergebnis der Abgeordnetenhauswahlen 2016 – über 16% der Spandauer*innen wählten die AfD. Von diesem Ergebnis aufgerüttelt beschlossen wir die Themen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und rechte Gewalt in den Mittelpunkt unserer nächsten Dialogsitzung zu stellen.

Ausgehend von besagter Wahl stiegen wir in das Thema ein und stießen bei den Jugendlichen auf großes Interesse. Als erstes widmeten wir uns dem Film „Die Kriegerin“, der die Geschichte einer jungen Frau in der rechtsextremen Szene und ihres Ausstieges aus dieser Szene erzählt. Im Anschluss folgten rege Diskussionen über die Protagonistin und ihr Umfeld. Nach jedem dieser Gespräche, wurde uns immer deutlicher, dass das Wissen um diese Themen bei den Schüler*innen fast nicht vorhanden war. Über Fragen wie „Lebt Hitler noch?“ oder „Gibt es so etwas wirklich?“ konnten wir anfangs schmunzeln. Mit der Zeit wurde uns jedoch bewusst, wie wichtig eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Themen für die Schüler*innen ist. Aus diesem Grund beschäftigten wir uns mit den Schüler*innen ein halbes Jahr mit Aspekten wie rechter Musik und ihrer Wirkung, Symbole und Zeichen der Szene, dem Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und einem möglichen NPD-Verbot. Gemeinsam mit unseren Schüler*innen widerlegten wir bekannte rechte Parolen durch Fakten, definierten und erklärten Begriffe wie Antisemitismus oder Nationalsozialismus und sprachen über den Holocaust.

Die Stunde, in der wir uns mit dem Völkermord an den Juden beschäftigten, blieb uns besonders in Erinnerung! Die Schülerinnen konnten sich kaum vorstellen, dass es so etwas in Deutschland gegeben hat. Bilder und Zeitzeugenberichte, die wir ihnen vorstellten, schockierten sie und ließen den sonst so lauten Stuhlkreis zur Abwechslung verstummen.

„Hat er eine Glatze?“

In diesen Wochen verstärkte sich bei uns der Gedanke, die Schüler*innen mit Realerfahrungen konfrontieren zu wollen. Angetrieben durch den Wunsch die Themen mit den Jugendlichen zu besprechen ohne moralisierend auf sie einzuwirken, beschlossen wir einen Aussteiger aus der rechtsextremen Szene einzuladen. Leichter gesagt als getan. Es folgten unzählige Emails und Telefonate. Über den Verein Exit Deutschland, der rechtsextreme Menschen bei ihrem Ausstieg aus der Szene unterstützt, konnte letztendlich ein Kontakt hergestellt werden. Eine Woche vor dem geplanten Treffen eröffneten wir den Jugendlichen, was sie nächsten Donnerstag erwarten sollte. Wir wurden daraufhin mit unterschiedlichsten Fragen und Reaktionen konfrontiert: Von „Hat er eine Glatze?“ über „Ein Nazi hier bei uns in der Klasse?“ bis zu „Cool – woher kennt ihr den?“ war alles dabei. Wir besprachen den Ablauf der nächsten Sitzung und sammelten Fragen, die wir dem Aussteiger stellen wollten. Sowohl wir als auch die Jugendlichen blickten mit Spannung auf die nächste Stunde.

20 Jahre rechte Szene. Und dann der Ausstieg.

Einer von uns baut den Stuhlkreis auf – der andere holt den Besucher am Eingang ab. Das erste Mal sehen wir unseren Gast persönlich und begrüßen ihn. Mitte Vierzig, gepflegtes Äußeres, gegeltes Haar, sportliche Figur und sächsischer Dialekt.

Er wirkt freundlich, eloquent und souverän – die erste Anspannung fällt ab. Es folgen vier Stunden, die wir im Flug vergehen und viel zu kurz sind. Er erzählt von seiner „Karriere“ in der rechten Szene – Biertrinken in Garagen zu rechter Musik, Mitglied der Jungen Nationaldemokraten, Vorstandsmitglied der NPD Sachsen. 20 Jahre rechte Szene -und dann der Ausstieg! In den letzten Jahren bekam seine Ideologie Risse – die Verhaftung von Holger Apfel wegen sexuellem Missbrauch von Jugendlichen, „Sauf-Eskapaden der NPD-Funktionäre“ und „Bordellbesuche, wo explizit schwarze Frauen gewünscht wurden“. Das jahrelang Gelebte, verlor an Glaubwürdigkeit, die äußere Fassade bröckelte„Mir wurde klar, das waren alles nur Versager!“

Letztendlich war es aber der erste Kontakt mit Migranten, der ihn endgültig wachrüttelte. Die Umstände ergaben, dass er eine Willkommensklasse unterrichte. „Ich habe noch nie Menschen getroffen, die so fleißig, respektvoll und höflich waren. Die wollten um jeden Preis Deutsch lernen. Die Feindbilder lösten sich auf.“ Er verließ die NPD und arbeitete in der folgenden Zeit in Projekten wie Exit Deutschland mit. In dieser Zeit wurde mehrfach sein Auto in Brand gesetzt. Der Ausstieg war keine leichte Sache. Auch davon berichtet er den Jugendlichen. Er bereue die 20 Jahre seines Lebens, die er an diese Ideologie verschwendet habe. Und genau deswegen wolle er Jugendliche davor bewahren den gleichen Fehler zu begehen wie er in ihrem Alter. „Ihr seid das perfekte Rekrutierungsmaterial für die. Und davor will ich euch warnen.“

„Essen Nazis eigentlich Döner?“

Während unser Gast seine Geschichte erzählt, beobachten wir die Jugendlichen. Gespannt lauschen sie seinen Worten. Einige wirken etwas eingeschüchtert, andere locker. Hier und da wird getuschelt. Regelmäßig bricht der Stuhlkreis in lautes Lachen aus. Als er die Fragerunde eröffnet, schießen die ersten Arme in die Höhe.

„Was war die schlimmste Straftat die sie begangen haben?“ fragt einer der Jungs. „Was haben ihre Eltern dazu gesagt, dass sie ein Nazi waren?“. „Wurde Ihnen gedroht als sie nicht mehr mitmachen wollten?“. Wir grinsen uns über den Stuhlkreis hinweg an. Es läuft gut. Und dann fragt einer der Jungs „Essen Nazis eigentlich Döner?“ Wir wissen beide nicht so recht, ob wir lachen oder ihn ermahnen sollen. Wir blicken fragend unseren Gast an. Berechtigte Frage! Essen Nazis nun Döner oder nicht?! Unser Gast hält kurz inne und antwortet dann „Nein. Döner essen war in dieser Zeit extrem verpönt. Wir haben nie Döner gegessen.“ „Und bereuen Sie 20 Jahre keinen Döner gegessen zu haben?“ Auch diese Frage scheint berechtigt. Und die ruhige Antwort des Ex – Nazis, bringt uns zum Schmunzeln. „Das bereue ich wirklich extrem.“

Ariane & Jonas

Dialogmoderator*innen an der B.-Traven-Gemeinschaftsschule in Berlin

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