Blog #3: Tagung – Jung, Radikal, Muslim? – Ein Rückblick

In einer Dialogsitzung kommen immer viele Fragen und Probleme auf. Manchmal behandeln wir sehr individuelle, manchmal aktuelle Themen und meist sprechen wir in Dialoggruppen genau das an, was viele Menschen außerhalb des Klassenraums beschäftigt. Syrien– Wer hat eigentlich angefangen? Religion – Was hat’s mit diesen Bärten auf sich? Und der IS – Was wollen die eigentlich? Was mit Fragen im Stuhlkreis beginnt, wird durch Methodeneinsatz und engagierte Schüler*innen zu kleinen Projekten in den Dialoggruppen.

Programm der Schüler*innen-Tagung

Die in der Öffentlichkeit, Politik und Medien geführten Diskussionen rund um die Themen Syrien, Flucht und Extremismus sind auch aus vielen Dialoggruppen nicht mehr wegzudenken. So auch nicht aus unserer Gruppe an der IGS Badenstedt in Hannover. Die Schüler*innen bewegte der Syrienkrieg mit seinen Folgen. Sie hatten ein großes Bedürfnis, über das, was sie in den Medien hörten und sahen, zu sprechen. Wir gaben ihnen in der Dialogsitzung den Raum, ihre Fragen zu stellen: Warum konnte es in Syrien überhaupt so weit kommen? Wer hat Schuld an diesem Krieg? Und wer ist eigentlich beteiligt? – waren nur einige der gestellten Fragen. Gemeinsam versuchten wir Licht ins Dunkle zu bringen, recherchierten zur Lage in Syrien, und versuchten diesen Konflikt einzuordnen.

Begrüßung durch organisierende Dialogmoderator*innen und Schüler*innen

Schnell jedoch richtete sich der Fokus der Schüler*innen auf die Folgen des Bürgerkrieges, die sie unmittelbar in Deutschland und Hannover erlebten: die vielen Menschen, die in Deutschland Schutz suchten. Die Schüler*innen waren sehr empathisch und forderten, dass den geflüchteten Menschen noch mehr geholfen werden müsse. Gleichzeitig waren sie entsetzt darüber, welche Vorurteile und Stereotype von Teilen der Gesellschaft auf die Geflüchteten projiziert wurden. Sie waren genervt davon, dass alle Muslime immer mit Terrorismus, Gewalt und Gefahr gleichgesetzt wurden. Es entstand eine rege und hitzige Diskussion über Vorurteile und Stereotype allgemein in der deutschen Gesellschaft. Dabei fiel den Schüler*innen auf, dass sie sich jedoch meist nur untereinander zu diesem Thema austauschten. Fast nie haben sie Gelegenheit mit anderen Jugendlichen, die nicht aus ihrem Kiez oder ihrer Gruppe kommen, darüber ins Gespräch zu kommen.

Grußwort von Regine Kramarek, Bürgermeisterin in Hannover

So entstand aus den Dialogsitzungen heraus das Ziel, eine Schülertagung zu organisieren. Die Themen Islamfeindlichkeit und radikaler Islam sollten gemeinsam mit Gleichaltrigen diskutiert werden, Expert*innen eingeladen und dazu befragt sowie neue Perspektiven erkundet werden. Die Segel wurden gesetzt und der sichere Hafen der vertrauten Dialoggruppe wurde verlassen. Ziel: Missverständnisse aus der Welt schaffen und Vorurteile aufklären. Unter dem Titel „jung, radikal, muslim?“ sollten Schüler*innen aus verschiedenen Schulen in Hannover zusammenkommen und die Möglichkeit bekommen, sich untereinander auszutauschen und zu sagen, was sie zu diesen Themen denken.

Teilnehmer*innen der Tagung

Wie allen Beteiligten schnell auffiel ist das leichter gesagt als getan. Wie plant man eine Tagung? Reicht unser eigenes Wissen eigentlich aus? Welches Format wählen wir? Was sind spannende Diskussionsfragen?Über acht Wochen und zwei ganztägige Projekttage hinweg arbeiteten wir, Schüler*innen und Dialogmoderator*innen, an der Verwirklichung der Schülertagung. Gemeinsam diskutierten wir über das Format und Themenschwerpunkte, recherchierten nach Expert*innen und planten Workshops. Im Zuge des Prozesses setzen sich die Schüler*innen mit allen relevanten Dimensionen solch einer Tagung, wie Einladungen, Verpflegung, Moderation etc. auseinander und lernten wichtige Schritte zur Umsetzung von eigenen Projekten kennen.

Einblick in die Workshops

Kurz vor den Weihnachtsferien des vergangenen Jahres war es dann soweit. In der Volkshochschule Hannover kamen über 150 Schülerinnen und Schüler verschiedenster Schulen zusammen, um bei der Tagung gemeinsam zu diskutieren. Nach einer Begrüßung durch die Organisator*innen und Regine Kramarek, der Schirmherrin von Dialog macht Schule und Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Hannover, folgten kurze Impulsvorträge. Im Anschluss nahmen die Jugendlichen im Rotationsprinzip an sechs thematischen Workshops teil. In diesen wurde sich dann u.a. mit Themen, wie dem Verhältnis von Islam und IS, Aussteigerberichten, Frauen im IS, Islamfeindlichkeit, Propaganda und Medienberichten beschäftigt. Ein Presseteam aus Schüler*innen sammelte während der Tagung visuelle Eindrücke, machte Fotos und sprach mit Teilnehmer*innen sowie Vertretern der örtlichen Medien.

Präsentation der Ergebnisse durch die Schüler*innen

Rückblickend entpuppte sich unsere Projektarbeit als Mammutaufgabe, mit der sowohl Dialogmoderator*innen als auch Schüler*innen nicht gerechnet hatten. Die Tagung machte jedoch auch deutlich, wie viel Gestaltungswillen und wie viel Ausdauer die Schüler*innen entwickeln, wenn sie sich ernst genommen fühlen und an ihren Themen arbeiten dürfen. Gleichzeitig war für uns beeindruckend zu sehen, welch Bereitschaft zu ernsthaften Diskussionen und Auseinandersetzungen mit politischen Themen die Schüler*innen mitbringen.

VIELEN DANK an unsere Schülerinnen und Schüler der IGS Badenstedt.

Pascal, Dialogmoderator an der IGS Badenstedt in Hannover

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