Vom Klassenzimmer ins Büro: Lernt Serdinc kennen!

Serdinc ist 21 Jahre alt und ist seit 2017 Praktikant bei Dialog macht Schule (DmS). Sein großer Traum: Im Oktober mit dem Studium starten und selbst Dialogmoderator werden. Serdinc muss es wissen: Vor genau fünf Jahren war er selbst Schüler in einer Dialoggruppe an der Albrecht-Dürer-Oberschule in Berlin. Was er aus dieser Zeit mitgenommen hat und was er als ehemaliger Schüler angehenden Dialogmoderator*innen sagen möchte:

Serdinc, was war Dein Erster Eindruck von den Dialogmoderator*innen?

Die Dialogmoderator*innen (Modis) habe ich zuerst auf dem Schulflur gesehen. Ich hatte echt keinen Plan, wer sie sind. Wir waren alle irritiert und haben uns gefragt: Sind das Lehrer?”, „Wer sind die und was wollen die an unserer Schule?”.

Welches Thema in Deiner Dialoggruppe fandest Du besonders spannend? Und warum?

Als Jugendlicher in der Pubertät fand ich das Thema Sexualität natürlich spannend. Also habe ich mich viel mit verschiedenen sexuellen Orientierungen beschäftigt. Gerade auch, weil es unter vielen Jugendlichen noch ein Tabuthema ist. Oft fallen in der Klasse Begriffe wie Schwuchtel und so weiter. Also haben wir uns in unserer Dialoggruppe intensiv mit dem Thema Sexualität und Worten, die wir so selbstverständlich im Alltag verwenden, auseinandergesetzt.

Gab es Highlights für Dich in den zwei Jahren? Wenn ja, welche?

Vor jeder Dialogsitzung bildeten wir einen großen Stuhlkreis und schoben die Tische zur Seite. Die Sitzordnung im Klassenzimmer und die mir bekannte Hierarchie wurden so aufgebrochen. Nach einer Gewöhnungsphase von mehreren Wochen, wurde für uns der Stuhlkreis zu einem Vertrauensraum: Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken und Meinung freier ansprechen zu können, ohne dafür negativ kritisiert zu werden.

Mein persönliches Highlight war außerdem unser Abschlussprojekt. Hier sollten wir Kurzfilme über uns drehen. So ein großes Projekt selbst zu organisieren war richtig hart für mich: Als Neuntklässler*in hast du auch nicht immer Bock, Kameras zu organisieren, dich mit den Modis zu treffen und die Videos zu bearbeiten. Und das auch in deiner Freizeit.

Unsere Dialogmoderator*innen haben uns zwar immer unterstützt, aber uns auch mal in den Arsch getreten, wenn es sein musste. Wenn du siehst, dass jemand an dich glaubt, dann willst du diese Person erst recht nicht enttäuschen. Am Ende haben wir in unserer Aula alle selbst gedrehten Kurzfilme vor einem großen Publikum vorgeführt. Ich war so stolz auf mich und meine Mitschüler*innen. Nach der Filmvorführung haben wir alle einen Pokal erhaltenunseren persönlichen Oscar. Der Pokal steht heute immer noch in meinem Zimmer.

Gab es Aha-Momente in der Dialoggruppe?

Wir als Klasse hatten ein Problem mit einer unserer Lehrerinnen. Sie war ein Jahr im Mutterschaftsurlaub und kam anschließend zurück. Plötzlich merkten wir, dass sie weniger Energie im Unterricht hat und lustlos wirkt. Ohne jedoch mit der Lehrerin gesprochen zu haben, sprachen wir unser Problem in der Dialoggruppe an. Unsere Modis erklärten uns, wie wir mit Konflikten umgehen können und was es bedeutet, ein sachliches Gespräch zu führen.

Das Gespräch lief überraschend gut: Uns war gar nicht bewusst, dass der Lehrerin die Energie aufgrund der neuen Umstellung in ihrem Leben fehlte. Wir dachten, sie sei desinteressiert. Durch das Gespräch haben wir gelernt, Verständnis füreinander zu zeigen und sind uns ganz anders begegnet mal raus aus der Rolle von Lehrerin und Schüler*innen.

Was hat Dir Deine Dialoggruppe rückblickend gebracht?

Innerhalb einer Klasse kennen sich sehr viele nicht so richtig: Man hat seine Clique, sitzt im Unterricht zusammen und chillt außerhalb der Schule auch immer mit den gleichen Leuten. Oft hast du ein Bild von Mitschüler*innen in deinem Kopf, ohne die Person zu kennen. Das kann zu Vorurteilen und Ausgrenzungen führen.

Über drei Jahre lang hatte ich Probleme in der Klasse. In der Dialoggruppe konnten wir uns auch mal außerhalb unserer Cliquen kennenlernen: Wir haben gelernt, andere Ansichten und Meinungen zu hören. Uns wurde klar: Hey, man muss sich nicht unbedingt mögen, um miteinander auszukommen. Das hat mit der Zeit die Stimmung in der Klasse verändert und auch mir persönlich bei meinem Problem geholfen.

Wie ging es für Dich nach Deiner Dialoggruppe weiter? Und weshalb hast Du Dich dazu entschieden, Dein Fachabi zu machen?

Ich wollte nach meiner Dialoggruppe mein Abi machen, hab es aber nicht bestanden. Also habe ich mich dazu entschieden ein Fachabi zu machen, was mit einem einjährigen Praktikum verknüpft ist. Mein Traum ist es, später irgendetwas zu machen, was für mich sinnvoll ist. Ich denke, ich gehe in die soziale Richtung.

Wie kamst Du auf die Idee, Dein Praktikum bei Dialog macht Schule zu machen?

Meine damalige Dialogmoderatorin hat mich für ein soziales Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) vorgeschlagen und mich motiviert, mitzumachen. Das Projekt war eine tourende Wanderausstellung, die Einblick in das Leben von Muslimen und Musliminnen in Deutschland gibt.

Ich wurde von der bpb zu einem Interview eingeladen und tatsächlich für das Projekt angenommen. Und als ich dann zwei Jahre später ein Praktikumsplatz brauchte, habe ich mich bei Dialog macht Schule beworben. Mit Dialog macht Schule verbinde ich das Gefühl, etwas erreichen zu können.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?

Eins kann ich schon mal sagen: Kein Tag ist wie der andere! Ich habe viele unterschiedliche Aufgaben: Mal entwerfe ich Grafiken für Projekte, bestelle Material oder gebe inhaltliches Feedback aus meiner Perspektive als Schüler. Auch darf ich in verschiedene Projekte reinschnuppern und nehme an Weiterbildungen teil. Ich fühle mich ernst genommen, weil mir das Team vertraut.

Was ist Deine Motivation, Dialogmoderator zu werden?

Neben dem Praktikum engagiere ich mich sozial in einigen Projekten. Ich möchte Dialogmoderator werden, weil ich aus eigener Erfahrung erlebt habe, wie cool es ist, wenn da junge Leute sind, die mit dir über politische und gesellschaftliche Themen reden. Ohne jedoch dabei die Themen zu bestimmendie kommen von den Kids.

Außerdem hoffe ich auch viel über mich selbst zu erfahren, zu wachsen und mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich meine, ich kenne das ja von meinen Modis, die uns auch mal erzählt haben, was sie persönlich aus der Dialoggruppe mitnehmen.

Was wünschst Du Dir für Deine Zukunft?

In fünf Jahren will ich mit dem Studium fertig sein und in einer Stiftung arbeiten. Ich will hinter die Kulissen blicken: Wie läuft es in einer Stiftung ab? Mein großer Wunsch ist es, irgendwann mal selbst ein eigenes Projekt zu gründeneine Art Plattform, auf der alle sozialen Projekte zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen. Schließlich haben alle Projekte ein gemeinsames Ziel: Verbesserung und die kommt zustande, wenn man zusammenhält und an einem Strang zieht!

Was möchtest Du, als ehemaliger Schüler, angehenden Dialogmoderator*innen sagen?

Es wird Herausforderungen geben, aber dadurch wachsen und entwickeln sich Menschen weiter! Man erreicht Jugendliche nicht von heut auf morgen. Das Kennenlernen und Vertrauen braucht seine Zeit. Deshalb sollten den Job nur Menschen machen, die mit Herz und Leidenschaft dabei sind. Auch wenn es mir damals als Schüler schwer gefallen ist, meinen Modis Anerkennung zu zeigen: Ihr wart Vorbilder und eine Perspektive für mich! Deshalb mein Tipp: Glaubt an die Kinder und Jugendlichen, gerade in schwierigen Situationen und gebt nicht auf. Es lohnt sich!

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